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Klitoris

Freud selbst soll am Ende seines Lebens behauptet haben, auch nach Jahrzehnten der Erforschung der weiblichen Seele nicht zu wissen, was Frauen wollen. In seinem Unwissen postulierte Freud, dass...

Freud selbst soll am Ende seines Lebens behauptet haben, auch nach Jahrzehnten der Erforschung der weiblichen Seele nicht zu wissen, was Frauen wollen. In seinem Unwissen postulierte Freud, dass Frauen in ihrer psychosexuellen Entwicklung von einer unreifen klitoralen Phase in eine reife genitale Phase übergingen und Fortpflanzung als Funktion der 'reifen' Frau in den Mittelpunkt rücken sollte. Die Gegenüberstellung von Klitoris und Vagina im Bezug auf den Orgasmus gewann vor allem bei Freuds Nachfolgern an Bedeutung, die den sogenannte 'klitoridalen Orgasmus' analog zur unreifen klitoralen Phase werteten (Glenn und Kaplan, 1968). Diese Deutung wurde mit  zunehmender Forschung aus unterschiedlichen Fachrichtungen ab Mitte des 20. Jahrhundert in Frage gestellt.

Das 1951 publizierte Buch Patterns of sexual behavior vom Anthropologen Clellan Ford und dem Verhaltensbiologen Frank Beach verglich das Sexualverhalten von fast 200 Kulturen, sowie das Sexualverhalten von Tieren (Beach und Ford, 1951). Sie kamen zu dem Schluss, dass die Klitoris bei der Masturbation zentral war. Nahezu zeitgleich nannte Alfred Kinsey den allein durch penil-vaginale Stimulation erreichten Orgasmus eine 'biologische Unmöglichkeit' (engl. 'biologic impossibility' in Kinsey,1953:584). Etwas später kamen der Gynäkologe William E. Masters und die Forscherin Virginia E. Johnson zu dem Schluss, dass die Orgasmusfähigkeit bei den meisten von ihnen untersuchten Frauen ganz wesentlich von klitoraler Stimulation abhing (Masters und Johnson, 1966). Die Sexualforscherin Shere Hite bestätigte in ihrem Report, dass über zwei Drittel der von ihr untersuchten Frauen eine klitoralen Stimulation benötigten um zum Orgasmus zu kommen (Hite, 1976).

Allerdings wurde Kinsey's 'biologische Unmöglichkeit' etwas relativiert, da etwa ein Viertel der von Hite untersuchten Frauen über das Erreichen des sexuellen Höhepunkt auch ohne klitoraler Stimulation berichteten (ebd.). Insgesamt schien sich die Klitoris als unangefochtenes Lustorgan durchgesetzt zu haben. Zu Beginn der 1980er Jahre berichteten Erotikmagazine über ejakulierende Frauen (Pfaus et al., 2016). Einige ForscherInnen untersuchten dieses Phänomen und stellten ihre Ergebnisse 1982 in dem Buch The G spot and other recent discoveries about human sexuality (Ladas et al., 1982) einer breiten Öffentlichkeit vor. Das Buch avancierte zum New York Times Bestseller und löste erneut Diskussionen um den weiblichen Orgasmus aus. Insbesondere drehte sich der Streit darum, ob die Entdeckung des G-Punkt, oder im Gegenteil dessen Leugnung, Symptom einer patriarchalen Gesellschaft sei, die Frauen vorschrieb welcher Orgasmus der richtige oder bessere sei.

Die Sorge, Frauen als dysfunktional zu stigmatisieren und medizinisch zu behandeln, ist in Anbetracht der vorangegangenen Jahrzehnte und Jahrhundert nicht unbegründet, zumal G-Punkt Unterspritzungen im Rahmen der kosmetischer Genitalchirurgie ein lukratives Geschäft mit realen Risiken darstellen (Shaw et al. 2013). Die anatomische Ausdehnung der Klitoris mit ihren Schwellkörpern wurde erst 1998 entdeckt (O'Connell et al. 1998). Nach derzeitigem Stand besteht die Klitoris nicht nur aus zwei Schenkel (die gemeinsam das corpus spongiosum bilden), welche gemeinsam zum Klitorisschaft zusammenlaufen und in den sichtbarsten Teil der Klitoris, der Klitoriseichel, übergehen, sondern zusätzlich auch aus zwei Vorhofschwellkörper (die bulbi vestibuli), die den Scheideneingang umfassen (ebd.). Bemerkenswerterweise liegt die Stelle, an denen die Klitorisschenkel zusammenlaufen hinter der Harnröhre an der Scheidenvorderwand, und entspricht damit in etwa der Lokalisation des sogenannten G-Punkts.

Hier laufen die Nervenfasern beider Klitorisschenkel zusammen, was eine erhöhte Sensibilität erklärt. Klitoris, Scheide und Harnröhre sind daher als funktionelle Einheit begreifen (Jannini et al., 2014; Foldes und Buisson, 2009; Buisson et al. 2010). Marie Bonaparte, Freud's ehemalige Patientin und selbst Psychoanalytikerin, vermutete schon 1924 einen Zusammenhang zwischen Orgasmusfähigkeit beim Geschlechtsverkehr und dem Abstand zwischen Klitoriseichel und Harnröhrenausgang (Wallen und Lloyd, 2011). Diese inverse Korrelation hat sich bestätigt (ebd.), ebenso ein inverser Zusammenhang zwischen kleinerer Klitoriseichel und Abstand zum Scheideneingang (Oakley et al. 2014). Der 'unreife' Orgasmus scheint also mehr eine Funktion von 'natürlichen' anatomischen Verhältnissen als dem tatsächlichen psychosexuellen Entwicklungsstand zu sein.

© Auszüge aus Dr. Florence Dietrich, Masterthesis „Der weibliche Orgasmus“, 2017

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