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Orgasmus

Der Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Diskussion über den weiblichen Orgasmus immer einen begrenzten Wissensstand sowie gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegelt. Darüber hinaus ist der...

Der Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Diskussion über den weiblichen Orgasmus immer einen begrenzten Wissensstand sowie gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegelt. Darüber hinaus ist der weibliche Orgasmus ein von vielen Faktoren beeinflusster und individueller Lernprozess. Der weibliche Erregungsreflex mag uns angeboren sein, "die Fähigkeit, ihn auszulösen, zu steigern oder gar zu genießen, ist uns jedoch nicht in die Wiege gelegt" (Schiftan in Eck, 2016:166) – Genuss und Orgasmusfähigkeit kann frau aber lernen. Forschungen aus verschiedenen Fachrichtungen belegt, dass die Faktoren, die den weiblichen Orgasmus ermöglichen oder behindern multipel, komplex und von einander abhängig sind.
Inwiefern die anatomischen Verhältnisse einer Frau mit ihrer Orgasmusfähigkeit zu tun haben wird in der Literatur kontrovers diskutiert (Emhardt et al. 2016; Jannini et al. 2014; Graziottin und Gambini, 2015). Mit der Weiterentwicklung von bildgebenden Verfahren wie Magnet-Resonaz-Tomographie (MRT), Ultraschall oder Endoskopie, haben sich die Möglichkeiten der Darstellung von anatomischen Strukturen vervielfacht. In der Praxis steht daher zu allererst eine ausführliche Anamnese bzw. Sexualanamnese, die die Frau in ihrer biopsychosozialen Einzigartigkeit erfassen soll (Hauch, 2013:25-28). Wie die einzelne Frau die Bedeutung des Orgasmus bzw. dessen Fehlen bewertet ist von zentraler Bedeutung. In den öffentlichen Medien, der Ratgeberliteratur, andere 'Wissensquellen' wie dem Internet, inklusive der Pornographie, aber auch in der Fachliteratur sind zahlreiche Widersprüche und falsche Information. Insbesondere die Unterscheidung zwischen vaginalem und klitoridalem Orgasmus hält sich hartnäckig, ebenso floriert Halbwissen im Bezug auf den G-Punkt, weibliche Prostata und Ejakulation. Insofern sind populäre Ratgeber, die einen emanzipatorischen Anspruch haben, mit Vorsicht zu genießen, da sie Leistungsdruck und Versagensängste schüren können. (siehe z.B. Sundahl, 2014 oder Cremer, 2016). Anatomische und neurologische Voraussetzungen. Für das Erleben und Spüren des Orgasmus sind unterschiedliche Nerven verantwortlich. (Pfaus, 2016). Nerven leiten Empfindungen unterschiedlicher Qualität weiter: somatische Nervenfasern leiten Empfindungen weiter, die einer Lokalisation klazugeordnet werden können, und als hell oder scharf abgegrenzt beschrieben werden.Davon zu unterscheiden sind die viszerale Fasern, die Empfindungen weiterleiten, welche sich eher dumpf und diffus anfühlen, schwer lokalisierbar sind und an Intensität langsam zu- und abnehmend (ebd.) Der weibliche Genitaltrakt ist sowohl somatisch als auch viszeral innerviert: das untere Scheidendrittel mit Scheidenvorhof und Klitoris werden sowohl somatisch als auch viszeral innerviert (Scheidenvorhof und Klitoris überwiegend somatisch). Die oberen zwei Scheidendrittel und die Gebärmutter sind dagegen mit viszeralen Fasern innerviert (ebd.). Die den Genitaltrakt innervierenden Nerven projizieren in den somatosensorischen Kortex des Gehirns. Dabei ist das Areal, das dem Genital zugeordnet ist, größer als jenes, das die gesamte Rumpfvorder- und Rückseite abbildet (Carter, 2010:118). Entsprechend der Innervation projizieren Klitoris, Scheide und Cervix auf verschiedene Gehirnareale (Emhardt et al. 2016). Weil die sensorischen und die viszeralen Fasern auf unterschiedliche Höhe in das Rückenmark eintreten, kann die Orgasmusfähigkeit bei Querschnittlähmungen die unter dem 10. Brustwirbel liegen erhalten bleiben. Bei bestimmten Rückenmarksverletzungen ist daher ein allein durch vaginale Reize ausgelöster Orgasmus möglich (Komisaruk und Whipple, 2005). Interessanterweise aktiviert allein die Vorstellung einer genitalen Berührung in hohem Maße dieselben Areale wie eine tatsächliche Berührung (Wise et al., 2016). In einer fMRI Studie wurden Probandinnen gebeten sich entweder mit einem Vibrator zu stimulieren, sich dieselbe Stimulation vorzustellen, oder an eine gynäkologische Untersuchung mit dem Spekulum zu denken. Die ersten zwei Bedingungen ergaben überlappende Hirnareale, die Spekulum Vorstellung war davon unabhängig (ebd.). Fantasierte Berührungen und reale Berührungen scheinen zumindest hirnphysiologisch zu überlappen, was therapeutisch für Fantasiearbeit von Bedeutung sein könnte. Die Autoren der Studie formulieren es folgendermaßen: "Perhaps, pleasurable tactile imagery could be a naturalistic way of enhancing mood states, as suggested by yogic tradition." (Wise et al. 2016) Dass Fantasie aphrodisierend (oder im Gegenteil lusttötend) wirkt, ist intuitiv naheliegend - die Neurowissenschaft liefert dafür erste Belege. Beim Orgasmus selbst sind bei Frauen im Unterschied zu Männern bestimmte Gehirnregionen weniger aktiv, die dem Selbstschutz dienen (Carter, 2010:110). Der weibliche Orgasmus scheint demnach an die Überzeugung gekoppelt zu sein, nicht in Gefahr zu sein. Möglicherweise ist das mit ein Grund, warum Frauen mit selbstunsicheren bzw. vermeidenden Persönlichkeitsstrukturen schwieriger zum Orgasmus kommen: ihre emotionalen Alarmsysteme sind 'schärfer' eingestellt und lassen ein Loslassen nicht zu (ebd.). Anders gesagt hängt die Fähigkeit loszulassen von der Überzeugung (also einer inneren Vorstellung) ab, dass loslassen keine (reale oder fantasierte) Gefahr darstellt. Der Einfluss von solchen 'nicht-biologischen' Faktoren auf die Orgasmusfähigkeit, insbesondere psychosoziale Komponente, werden auch in aktuellen Modellen des sexuellen Reaktionszyklus immer mehr berücksichtigt, wie der nächste Abschnitt zeigt.

Orgasmus und sexueller Reaktionszyklus

Die Stellung des Orgasmus hat sich im sexuellen Reaktionszyklus verändert (Hayes, 2011). Der sexuelle Reaktionszyklus wurde seit Masters und Johnson dank neuer Erkenntnisse weiterentwickelt. Masters und Johnson stellten 1966 in ihrem Buch Human Sexual Response ihr Modell zum sexuellen Reaktionszyklus vor. Das Modell ist ein lineares Geschehen, in dem Erregung, Plateauphase, Orgasmus und Resolution chronologisch abfolgende Phänomene sind. Für einen vollständigen Zyklus müssen alle Phasen stattfinden. Die Fähigkeit zu multiplen Orgasmen bei Frauen wurde als Variante der Orgasmus-Phase berücksichtigt. In diesem Zusammenhang nannten sie (etwas willkührlich, wie es scheint) drei verschiedene Orgasmustypen bei der Frau, in ihrer Dauer und Intensität variierten (Masters und Johnson, 1966). Helen Singer-Kaplan, die viel mit lustlosen Frauen arbeitet, bemängelte an Masters und Johnson's Modell, dass das Begehren ('desire', 'interest') als Phase fehlte. Ihr (ebenso lineares Modell) ist triphasich und enthält Begehren, Erregung ('arousal') und Orgasmus (Kaplan, 1979). Beide Modelle sind aus mehreren Gründen problematisiert worden (Whipple und Brash-McGreer in Sipski, 1997). Zum einen unterliegen sie der Annahme, das Männer und Frauen auf gleich Weise reagieren (sollten), was abweichende Reaktionen (möglicherweise zu Unrecht) pathologisiert. Zum anderen haben diese Modelle keine Erklärung dafür, dass Frauen Erregung, Orgasmus und Befriedigung auch ohne vorgeschaltetes Begehren erfahren können, oder dass der Orgasmus für subjektiv empfundene Befriedigung nicht unbedingt notwendig ist. Nicht-biologische Komponenten wie Lustempfinden, Befriedigung und Beziehungserleben bleiben unberücksichtigt (ebd.). Das Modell von Whipple und Brash-McGreer dagegen ist zirkulär: eine lustbringende, befriedigende Erfahrung wirkt als Verstärker im Sinne einer positiven Rückkoppelung. Ob die positive Erfahrung einen Orgasmus inkludiert oder nicht, ist dabei nebensächlich. Das von Basson vorgestellte Modell der sexuellen Reaktion berücksichtigt darüber hinaus psychosoziale Faktoren wie Beziehungszufriedenheit, Selbstbild und negative Vorerfahrung (Basson, 2005). Spontanes Begehren kann am Anfang einer sexuellen Begegnung stehen, oder zum Beispiel der Wunsch nach emotionaler Nähe und Intimität. Selbst schlechtes Gewissen, wenn der letzte Geschlechtsverkehr als zu lange her empfunden wird, kann als Motivator wirken. Der Wunsch nach einem Orgasmus spielt auch in diesem Modell nicht unbedingt eine Hauptrolle. Nützlich ist dieses Modell einerseits, weil es die große Variabilität im Sexualverhalten erklärt und andererseits individuell angepasste Hilfestellungen daran anknüpfen können.

©  Auszüge aus Dr. Florence Dietrich, Masterthesis „Der weibliche Orgasmus“, 2017